Category: Technik

Wie der Filmlook entsteht

Filmlook mit Vollformat-Kameras

Das bewußte Gestalten mit der Schärfentiefe ist ein wesentlicher Bestandteil des “Filmlooks” wie wir ihn aus dem Kino und bei hochwertigen Spielfilmproduktionen kennen. Seit 2008, als die Canon 5D II mit ihrer Videofunktion den Kameramarkt revolutioniert hat, stand zum ersten Mal ein Werkzeug zur Verfügung, diesen Filmlook mit vergleichsweise kostengünstigen Mitteln zu erreichen. Die besten technische Voraussetzungen für die Gestaltung mit geringer Schärfentiefe sind ein großer Bildsensor, am besten im Vollformat, und ein Objektiv mit möglichst hoher Lichtstärke.

In diesem Artikel geht es darum, wie der Einsatz einer Vollformatkamera die Produktion und Gestaltung eines Films beeinflussen kann.

Übersicht:

  1. Die Aufmerksamkeit des Betrachters lenken
  2. Bokeh
  3. Im Alltäglichen das Wunderbare erkennen
  4. Kleine Macken verzeihen
  5. Leicht und kompakt
  6. Mobil und preiswert
  7. Psychologische Nähe
  8. Ungewohnte Sichtweisen
  9. Vintage Look
  10. Einschränkungen
  11. Fazit

 

1. Die Aufmerksamkeit des Betrachters lenken

Je größer der Sensor, je lichtstärker das Objektiv und je länger die Brennweite, um so geringer ist die Schärfentiefe. Die typischen Anwendungsbereiche sind zum Beispiel Testimonials, Videoportraits, Produktpräsentationen, Eventfilme und Mood-Videos aller Art. Immer dann, wenn das Auge des Zuschauer bewusst auf ein Detail gelenkt werden soll, ist dieser gestalterische Aspekt besonders wirkungsvoll. Aus einem alltäglich Bild kann ein besonders Bild werden, das ohne spezielle „Tricks“ auch nicht mal eben mit dem Smartphone entstehen kann. Ein Smartphone verfügt Bauart bedingt weder über einen großen Bildsensor noch über eine ausreichend lichtstarke Optik.

Vergleich Filmlook und Videolook

Vergleich: Filmlook (links) und Videolook (rechts)

 

Portraitaufnahme im Filmlook

geringe Schärfentiefe durch Aufnahme mit Vollformat Video-DSLR und lichtstarkem Objektiv

2. Bokeh

Lichtquellen, Reflektionen und helle Bildbereiche ergeben in der Unschärfe kreisförmige Abbildungen, Bokeh genannt. Das Bokeh unterstützt eine leichte, luftige und verträumt beziehungsweise zauberhaft wirkende Bildsprache und ist ebenfalls ein Element des Filmlooks. Das Bokeh wird durch das Objektiv erzeugt und variiert je nach Bauart.

Bokeh-Wirkung im Alltag Blende: Bürostuhl und Tisch

Aufnahme mit offener Blende: Die Lehne des Stuhls löst sich optisch aus dem unscharfen Umfeld heraus

 

3. Im Alltäglichen das Wunderbare erkennen

Alltägliche Gegenstände und Szenen bekommen eine ganz neue Sichtweise und Dimension. Das alltägliche Büro wird durch die bewusste Reduktion der Schärfentiefe ganz anders und bewusster wahrgenommen. Besonders in Zusammenhang mit Nahaufnahmen entstehen ganz neue Bilderwelten, welche von die Realität entrückt zu sein scheinen.

Bürotür bekommt durch Unschärfe eine nicht alltägliche Bildwirkung

Eine Bürotür bekommt durch die Unschärfe eine nicht alltägliche Bildwirkung

 

Unschärferinge (Bokeh) bei Nahaufnahmen

Unschärferinge (Bokeh) bei Nahaufnahme ermöglichen eine ungewohnte Sichtweise auf das Produkt.

 

4. Kleine Macken verzeihen

Der Bürotisch hat eine Schramme, die weiße Wand ist leicht verschmutzt und der Vorhang hat ein kleines Loch.
 Diese Unzulänglichkeiten kann der Kameramann geschickt in die Unschärfe verlagern und schon ist das Problem gelöst. Gerade bei Totalen oder Halbtotalen, die naturgemäß von hinten bis vorne scharf sind, hilft eine Vollformat-Kamera mit lichtstarkem Objektiv sehr.

Unordnung am Tisch wird geringe Tiegenschärfe zu gestalterischem Bildelement

Unordnung am Tisch und ein “angenagter” Bleistift werden in der Unschärfe zu gestaltungsgebenden Bildelementen

 

Unschärfewirkung in der Halbtotalen

Unschärfewirkung in der Halbtotalen. Fingerabdrücke an den Glasscheiben werden in der Unschärfe unsichtbar.

 

Durch selektive Schärfe wird die Aufmersamkeit auf die Person gelenkt und der Raum tritt in der Hintergrund

Durch selektive Schärfe wird die Aufmersamkeit auf die Person gelenkt. Die Jahreszahl auf dem Kalender ist durch die Unschärfe bewußt unkenntlich gemacht.

5. Leicht und kompakt

Fotokameras sind Bauart bedingt kleiner und leichter als die klassischen Videokameras, zumal sie ursprünglich keinen Ton mit aufzeichnen. Das geringere Gewicht und die kompaktere Bauform bietet neue Einsatzmöglichkeiten. Zum Beispiel die Befestigung in Fahrzeugen oder außen an Fahrzeugen in Bodennähe.

Weitwinkelaufnahme

Kameramontage am Motorrad-Lenker

 

6. Mobil und preiswert

Ob Stativ, Schwenkkopf, Gimbal, Dolly oder Kran: Das Zusatzequipment kann leichter und kompakter und damit auch preiswerter sein.

Der Minidolly kann direkt auf das Kamerastativ montiert werden. Das spart Gewicht und Kosten.

Der Minidolly kann direkt auf das Kamerastativ montiert werden. Das spart Gewicht und Kosten.

Die kompaktere Bauform bedeutet auch eine geringere Ermüdungserscheinungen beim Kameramann, der die Kamera den ganzen Tag trägt.

Veranstaltungsdokumentation

7. Psychologische Nähe

Eine relativ geringe Größe des Kameraequipments hat auch einen wichtigen psychologischen Effekt bei Reportagen und Dokumentationen auf die Personen vor der Kamera. Menschen im Alltag verhalten sich natürlicher, wenn sie nicht in eine Kamera sprechen und nicht merken, dass sie gerade gefilmt werden. Die Aufnahme selbst und das Bewusstsein, gerade aufgenommen zu werden verändert die Aussage sowohl inhaltlich als auch vom Ausdruck her. Bestimmte Dinge möchte man nicht “in der Öffentlichkeit” sagen. Je aufwändiger und größer das Filmequipment, desto „wichtiger“ wirkt das ganze Geschehen auf die Akteure. Der Profi erhält dadurch Wertschätzung, der Laie fühlt sich aber eher erschlagen.

Dialogsituation

Drehsituation “im kleinen Rahmen” schafft mehr Nähe und Vertrauen

8. Ungewohnte Sichtweisen

Vollformat Fotoapparate haben eine nutzbare Sensorfläche von 24x36mm, was dem klassischen Kleinbildformat in der analogen Fotografie entspricht. Für diesen Typ von Fotoapparat sind in den letzten Jahrzehnten einige Spezial-Optiken entwickelt worden, die es für Filmkameras aufgrund der im Verhältnis geringen gebauten Stückzahlen und des Verwendungszwecks nicht geben hat: extrem lichtstarke Objektive mit Blende 1,0 / 0,95, extreme Weitwinkelobjektive, extreme Teleobjektive oder diverse Makroobjektive. All diese Optiken lassen sich mit Hilfe von Adaptern an digitalen Fotoapparaten mit Vollformat-Sensor verwenden ohne Einschränkung der Entfernungseinstellung oder des Bildwinkels.

Ungewohnte Sichtweise durch Super-Weitwinkel mit 170 Grad Bildausschnitt

Ungewohnte Sichtweise durch Super-Weitwinkel mit 170 Grad Bildausschnitt

 

Spiegellinsen-Teleobjektiv

Die Reflektionen im Wasser, die in der Unschärfe liegen, sind ringförmig oder sichelfömig und nicht flächig. Diese ganz besondere Wirkung entsteht durch die Verwendung von Spiegellinsen-Teleobjektiven, die für fotografische Anwendungen entwickelt wurden.

9. Vintage Look

So manche Optik für das Kleinbildformat hat aufgrund ihrer Linsenkonstruktion und ihrer “Bildfehler” einen ganz eigenen Charme, der nicht der klassischen Anforderung nach optimaler Schärfe, hohem Kontrast und verzeichnungsfreier Abbildung entspricht. Gestalterisch lässt sich dieses enorme Potential zum Teil sehr wirkungsvoll und gleichzeitig preisgünstig nutzen.

Gegenlicht-Situation mit Lichtreflexen, die auch als "Bildfehler" bezeichnet werden können

Retro-Look in Gegenlicht-Situation. Geringer Kontrast und Lichtreflexe, die auch als “Bildfehler” bezeichnet werden könnten, werden zum gestalterisches Mittel und sind bildbestimmend für die Gesamtwirkung.

10. Einschränkungen

Schärfentiefe: Der größte Vorteil ist gleichzeitig auch der größte Nachteil – in bestimmten Situationen zumindest. Die geringe Schärfentiefe bringt auch die Notwendigkeit mit sich, Schärfe konstant nachzuziehen, was schon mal sehr schwierig werden kann bei Sportaufnahmen oder im News-Einsatz und wenn “schnelle Bilder” gefragt sind.

Bei einer Gruppenaufnahme von leitenden Angestellten ist es unter Umständen sogar wichtig, alle Personen gleich scharf abzubilden und geringe Schärfentiefe ist unerwünscht. Bei Landschaftsaufnahmen und Architektur-Filmen sind meist Totalen und der umfassende Blickwinkel gefragt. Hier bieten sich der Filmlook eher weniger an.

Festbrennweiten: Die gestalterischen Möglichkeiten von lichtstarken Festbrennweiten gehen zu Lasten des schnellen und einfachen Handlings von Zoomobjektiven. Der Kameramann muss sich vor Drehbeginn ganz bewusst im Klaren darüber sein, ob er Zeit hat, Objektive zu wechseln und im Zweifelsfall ein Motiv zu verpasst, oder ob das nicht möglich ist. Das ist eine grundsätzliche Entscheidung, die auch jeder Fotograf treffen muss.

Tonaufzeichnung: Das Fehlen professioneller XLR-Eingänge und die Tatsache, dass die für viele Mikrofontypen wichtige 48V Phantomspeisung bei einem Fotoapparat nicht zur Verfügung stehen sind eine wichtige Einschränkung, wenn denn Sprache oder qualitativ hochwertiger Ton wichtig ist. Externe Lösungen, für die es inzwischen reichhaltige Angebote gibt, machen das Handling umständlicher, weniger betriebssicher und die Ausrüstung voluminöser und schwerer.

Rolling Shutter: Dieser Verzeichnungseffekt, der bei schnellen Kamerabewegungen oder schnellen durchs Bild sich bewegenden Objekten in Erscheinung tritt liegt an der Charakteristik des verwendeten Sensors in Fotoapparaten. Auch hier muss der Einsatzzweck darüber entscheiden, ob diese Einschränkung ein gravierender Nachteil ist. Bei Sport- und Actionaufnahmen oder Reißschwenks ist das sicher der Fall.

Signalverarbeitung und Kompressionsartefakte: Die Signalverarbeitung und -aufzeichnung in filmenden Fotoapparaten ist nicht ganz auf dem gleichen Qualitätslevel wie dedizierte Filmkameras. Das lässt sich nicht leugnen und ist in Anbetracht der Preisunterschiede für die Hardware und der Baugröße der Kamera auch nachvollziehbar. Die Technik macht gerade in diesem Sektor aber große Fortschritte und die Grenzen werden sich in naher Zukunft immer mehr auflösen.

Aufzeichnungsdauer: Weil nach Deutschland importierte Fotoapparate aus Japan oder Amerika geringen Zollabgaben unterliegen als importierte Videokameras ist die Aufzeichnungdauer von Fotoapparaten auf maximal 29:59 Minuten begrenzt. Für mehrstündige Event-Mitschnitte ganz eindeutig ein Ausschlusskriterium.

● Moirée: Die für Fotozwecke entwickelten Sensoren mit einer hohen Pixeldichte sind besonders anfällig für den Moirée-Effekt. Dieser flimmernde Muster erzeugende Effekt tritt in der Praxis besonders bei feingemusterten Textilien/Stoffen auf, aber auch bei regelmäßigen Strukturen an Hausfassaden, Gittern oder beim Filmen von Computer-Bildschirmen.

● Staub: Jeder Objektivwechsel erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass beim Wechsel sich Staub auf dem Sensor ablagern kann. Eine gewissenhafte Kontrolle ist leider unerlässlich, aber mit einem gezielten Luftstoß aus einem kleinen Blasebalg läßt sich das Staubkorn leicht entfernen. Hartnäckiger sind hingegen kleinste Staubpartikel, die durch Änderungen der Luftfeuchtigkeit im Laufe der Zeit unbemerkt am Sensor kleben bleiben und sich nicht mehr mit Luftdruck entfernen lassen. Einmal pro Jahr ist dann eine Sensorreinigung durch den Kameraservice fällig.

Video-DSLR mit lichtstarkem Tele-Objektiv

Video-DSLR mit lichtstarkem Tele-Objektiv

11. Fazit

Das Arbeiten mit Vollformat-Kameras und Festbrennweiten bedeutet:

  • bewussteres Gestalten
  • Zeit nehmen
  • Selektion der Möglichkeiten
  • Klasse statt Masse

Wenn das schlicht und ergreifend nicht gewünscht oder nicht möglich ist, wenn der Rolling-Shutter-Effekt ein Ausschlusskriterium ist, wer höchsten Standard in der Bildnachbearbeitung erwartet oder möglichst viel Material in möglichst kurzer Zeit abgedreht werden muss, dann ist man mit anderen Kameralösungen besser bedient.

Ich möchte am Schluss nicht vergessen darauf hinzuweisen, dass es auch Kompromisslösungen gibt, wenn geringe Schärfetiefe nicht das Maß aller Dinge ist: Videokameras mit 35mm-Sensor und filmende Fotoapparte im APS-C Format beziehungsweise Micro-Four-Third Format. Mit diesen Kameras ist ähnlicher Filmlook erreichbar wie mit Vollformatkameras, auch wenn die Sensorfläche kleiner ist. Diese Kameras sind vor allem noch kompakter.

Read More
2k vs 4k: Wann ist ein Dreh in 4k sinnvoll?

5 Gründe, wann sich ein Dreh in 4k Auflösung lohnt

Solange die produzierten Filme „nur“ in HD-Qualität auf der Messe, im Showroom oder auf Youtube gezeigt werden, stellt sich die berechtigte Frage, ob sich ein Dreh in 4k Auflösung überhaupt lohnt. Die Performanceansprüche an die Technik in der Postproduktion und das Handling der höheren Datenmengen sind ein nicht unerheblicher Zeitfaktor.
Auch sind 4k Monitore oder gar 4k Beamer bei der Video-Präsentation eher die Ausnahme als die Regel.
In bestimmten Fällen lohnt sich aber der Mehraufwand für einen Dreh in 4k, selbst wenn er “nur” in Full HD gezeigt wird:

1. Großbildprojektion für Events:

Der Schärfeneindruck eines in 4k gedrehten Films ist signifikant höher als in 2k gedreht, selbst wenn er nur in 2k präsentiert wird. Das Downscaling von 4k Material auf Full HD lohnt sich immer dann, wenn der Film auf einem großen Monitor gezeigt werden kann. Zum Beispiel auf einer Messe. Die Bilder wirken noch realistischer, noch räumlicher und beeindruckender.

2k vs 4k, Schärfevergleich

4k Testaufnahme mit vielen Details

 

2k vs 4k, Schärfevergleich

Der Bildausschnitt zeigt die höhere Schärfe von 4k Material in Vergleich zur gleichen Einstellung in 2k gedreht

Das Aufnahmesujet bestimmt, ob diese Wirkung erreicht wird und überhaupt erwünscht ist:

  • Wenn Produktdetails oder Personen mit offener Blende und geringer Schärfentiefe gedreht werden, kommt das höhere Auslösungsvermögen nicht zum Tragen.
  • Bei Luftaufnahmen, Landschafts- und Architekturthemen, bei weitwinkeligen Aufnahmen generell fällt der höhere Detailreichtum aber sofort ins Auge. Bei einem hohen Anteil an Bilddetails ist der Auflösungsvorteil am stärksten sichtbar.
Aufnahme mit geringer Schärfentiefe

Aufnahmen mit geringer Schärfentiefe profitieren nicht von der höheren 4k Auflösung

 

4k Auflösung Messe

Viele Details im Bild wirken bei 4k Auflösung noch realistischer und plastischer

2. Interview, Testimonial

Das 4k Material bietet 100% mehr Auflösungsreserven für nachträgliche Ausschnittsvergrößerungen (Reframing). Das ist besonders vorteilhaft bei Interviewsituationen. Die Aussagen müssen unter Umständen im Schnitt gekürzt werden oder  aus dramaturgischen Gründen ist ein Ransprung an die Person gewünscht. Die Möglichkeit für Ransprünge erspart unter die zweite Kamera, die für solche Fälle gerne genutzt wird.
Ebenso gewinnt man Produktionszeit beim Dreh, wenn der Protagonist beim Sprechen in die Kamera nicht für eine zweite Ausschnittvariante einen zusätzlichen Take machen muss, um Schnittmaterial in der Postproduktion zu haben. Das ist bei zeitkritischen und nicht wiederholbaren Drehs extrem wertvoll.

3. Chromakeying:

Die wesentlich feinere Auflösung des 4k Formats führt zu deutlich mehr Bildinformationen beim Chromakeying. Größerer Detailreichtum zum Beispiel in Haaren führt zu sichtbar besseren und realistischeren Bildergebnissen. Eigentlich kein Wunder, denn das Ausgangsmaterial ist viermal so groß. Der Mehraufwand in der Postproduktion ist auf jeden Fall gerechtfertigt.
Das folgende Beispiel zeigt vor einer Greenscreen gedrehtes Material in 2k und in 4k im Vergleich:

Von weitem betrachtet ist der Qualitätsunterschied zwischen 2k gedrehtem Material und 4k gedrehtem Material eher gering

Bildausschnitt, der den Qualitätsunterschied deutlich macht: viel mehr Details in den Haarspitzen beim 4k Material

2k vs 4k, Chromakeying

Beim Ausgangsmaterial ist die deutlich höhere Detailauflösung der Haare bei 4k erkennbar. Haare gehören zu den kritischsten Details beim Keying!

4. Gestalterische Freiheit:

Mit 4k Material gewinnt man einen erheblichen Freiraum für die nachträgliche Bestimmung des Bildausschnitts, oder wenn man in der Postproduktion zusätzliche Bildelemente wie zum Beispiel Texte einfügen möchte.

5. Fehlerkorrektur

Aufnahmen mit unbeabsichtigten Vignettierungen durch Filter oder Sonnenblenden, schiefe Horizonte, Monitore, die den Bildausschnitt nicht korrekt anzeigen etc. können in den meisten Fällen durch Ausschnittvergrößerungen gerettet werden. Verwackelte Freihandaufnahmen lassen sich durch nachträgliche softwarebasierte Bildstabilisierung „beruhigen“. Das geht immer auf Kosten des Bildausschnitts, und 4k Ausgangsmaterial ist hier klar im Vorteil. Das gilt auch für Architekturaufnahmen mit Bildverzerrungen, wie sie durch Ultra-Weitwinkelobjektive verursacht werden. In der Postproduktion lassen sich solche Verzerrungen entfernen und auch stürzende Linien von Gebäuden können korrigiert werden.

2k vs 4k, Reframing, Korrektur, Verzerrung

Original Zeitrafferaufnahme eines Messestands, erstellt mit einer Gopro Kamera. Man erkennt deutlich die tonnenförmige Verzerrung am Bildrand.

 

2k vs 4k, Verzerrung, reframing

16:9 Bildausschnitt mit Korrektur der optischen Verzerrung

Fazit:

Wer sich mal an die 4k Auflösung gewöhnt hat kommt eigentlich nicht mehr davon los. Selbst wenn das Ausgabeformat nur Full HD ist, sind Drehs für Großbildpräsentationen auf Messen, bei Landschafts- und Architekturaufnahmen, extrem sinnvoll. Besonders beim Chromakeying ist der Mehraufwand in der Nachbearbeitung in jedem Fall gerechtfertigt. Ich würde keinen Greenscreen-Dreh mehr in 2k machen, wenn es irgendwie möglich ist.

Für Pixel Peeper:

Die Begriffe 4k und 2k sind von mir als Sammelbegriff vereinfacht verwendet.
4k bedeutet eine Auflösung von 4096 x 2160 Pixel (Cinema-4k) oder 3840 x 2160 Pixel (Ultra High Definition)
2k bedeutet 2048 x 1080 Px (Digital Cinema Initiatives) oder 1920 x 1080 Px (Full High Definition)

Read More
Chromakey in engen Räumen

Die Idee und das Prinzip des Chromakeying

Das Prinzip des Chromakeying-Verfahrens ist simpel: Die Hintergrundfarbe, meist grün oder blau, wird selektiert und durch eine neues Bild ersetzt. Wenn die Lichtstimmungen, Einstellungsgrößen und Blickwinkel zusammen passen, ist es möglich, eine perfekte Illusion zu erzeugen. Zum Beispiel, dass eine Person auf einem schneebedeckten Berggipfel steht, obwohl sie den nie betreten hat. Weitere Beispiele dazu kennen wir alle und der Einsatz für Greenscreen-Drehs geht immer mehr in die Richtung Kostenoptimierung. Es ist produktionstechnisch viel günstiger, eine oder mehrere Personen unter kontrollierten Studiobedingungen vor Grün zu drehen und sie dann in verschiedene real anmutende Orte in der Postproduktion zu integrieren als mit der kompletten Crew und Darstellern an verschiedene Drehorte zu reisen.

Soweit die Theorie.
Die Tücke liegt im Detail und bei der Umsetzung in der Praxis ergeben sich Herausforderungen, die nicht nur bei beengten Raumverhältnissen auftreten. Unsere Augen, respektive das Gehirn, achten sehr auf Details, damit das Gesamtergebnis stimmig empfunden wird. Wenn die Details unstimmig sind, wird das Gesamtbild sofort als Montage erkannt. Das kann gestalterisch gewünscht sein, ist es oft aber nicht.

Ich möchte zunächst besonderen Augenmerk auf das Beleuchten des Hintergrunds und des Vordergrunds eingehen.
Als geeignete Hintergrundfarbe zum Keyen einer Person ist in den meisten Fällen Grün optimal. Das hat mehrere Gründe:

Warum Grün und nicht Blau?

Grün ist in der natürlichen menschlichen Haut nicht enthalten und nur sehr wenige Menschen haben grüne Augen.
Grün ist als Farbe heller als blau bei gleicher Farbsättigung, so dass mehr Details innerhalb der Grüntöne von der Kamera erfasst werden können. Das Spektrum der Farbwiedergabe ist damit größer und damit auch die Genauigkeit in der Auswahl der Farbe.
Zumindest im Business-Umfeld ist grün bei Kleidung, Schmuck und Accessoires extrem selten. Blaue Hemden, Krawatten, Kostüme und Hosen sind in den Kleiderschränken deutlich häufiger zu finden.

Beleuchtung und Raumgröße

Zunächst ist es vorteilhaft, eine gleichmäßig ausgeleuchtete Fläche zu erhalten. Dazu verwendet man am besten einen grünen Stoff, der gleichmäßig ausgeleuchtet wird.
Hier fängt es schon an kompliziert zu werden. Eine gleichmäßige Ausleuchtung verlangt symmetrisch angeordnete Lichtquellen, die in einer gewissen Entfernung vom Hintergrund stehen müssen, nicht im Bild sichtbar sein sollen und nur den Hintergrund aber nicht den Vordergrund ausleuchten sollen.

Um das zu Erreichen ist bei einer Aufnahme einer Person (amerikanische Einstellung) in der Praxis ein Raumbedarf von drei bis vier Meter in der Breite und in der Tiefe erforderlich.

Zur Ausleuchtung des Vordergrunds und unter Berücksichtigung eines angemessenen Abstands der Kamera zur Person sind weitere vier Meter Raumtiefe absolutes Minimum. Als Vordergrundlicht bewährt sich im Allgemeinen ein weiches Licht, dass keine bestimmte Lichtrichtung erkennen lässt. In der Postproduktion ist man dann die Repositionierung freier.

Die Gesamthelligkeit des Hintergrundes solle einerseits nicht zu dunkel sein, um eine gute Sättigung und ein hohes Belichtungsspektrum zu haben, aber sie sollte auch nicht zu hoch sein, weil sonst das Grün zu stark in den Vordergrund reflektiert. Das Gesamtbild bekommt dann einen ungewollten Grünstich. Es ist sehr schnell festzustellen, dass gerade das Grün des Hintergrunds sich in den feinen Haaren spiegelt, sogenannter Spill, und sauberes Keying nahezu unmöglich macht.

Hilfe: Alles ist grün

Abhilfe für ungewolltes Grün an Kanten und Haaren schaffen folgende Maßnahmen:

  • die grüne Fläche so groß wie nötig aber so klein wie möglich halten. Ungenutzte Grünflächen sollten mit schwarzem Molton abdeckt werden
    den Abstand zum Hintergrund erhöhen, weil dann die Reflektion schwächer wird
    die kritischen Partien mit leichtem Spitzlicht aufhellen, um das reflektierte Grün durch weißes Licht „weg zu leuchten“

Eine Kombination aus allen Maßnahmen ist am wirkungsvollsten: Unnötige Grünflächen abdecken, den Abstand der Person zum Hintergrund erhöhen und gleichzeitig die Kanten bzw die Haare von hinten leicht aufhellen. Das bedeutet aber auch ein zusätzlicher Raumbedarf von weiteren zwei bis drei Metern.

Das Dilemma

Um zu einigermaßen brauchbaren Ergebnissen zu kommen, ist eine Raumtiefe von ca 10 Metern notwendig.
Für den mobilen Einsatz ist zu bedenken, dass der grüne Hintergrundstoff möglichst faltenfrei sein sollte. Er muss also entweder gespannt werden und ein entsprechender Spannrahmen muss aufgebaut und transportiert werden, oder der Stoff ist in sich nahezu knitterfrei, was bei Filz recht gut gegeben ist.

Weiterhin muss berücksichtigt werden, dass die Lampen für die Ausleuchtung des Hintergrunds, des Vordergrunds und fürs Spitzlicht Transportkapazitäten benötigen und im Falle von Kunstlichtleuchten erhebliche Wärme erzeugen. Von Kunstlicht ist also abzuraten. Kaltlichtquellen wie Neonröhren oder LED-Licht sind hier deutlich im Vorteil.

Mögliche Lösungen

Eine Möglichkeit zur Reduzierung des Gesamtaufwands und zur Platzersparnis ist es, den Hintergrundstoff durch einen Spezialstoff zu ersetzen, der mit „selbstleuchtendem“ Grün beschichtet ist, so dass fast keine zusätzlichen Lichtquellen zur Ausleuchtung des Hintergrundes notwendig sind. Der Stoff hat durch das Streulicht der Vordergrundbeleuchtung und eventuell leichte Aufhellung mit grünen Neonröhren genügend Helligkeit für eine gleichmäßige Reflektion.

Eine alternative Möglichkeit bietet das System von Reflecmedia. Dabei strahlt grünes LED-Licht, das als Ringlicht auf der Optik der Kamera sitzt, auf einen speziellen Hintergrundstoff und wird von diesem gerichtet reflektiert. Eine sehr geringe Lichtmenge grünes Licht reicht aus, um eine intensive Reflektion in der optischen Achse zu ermöglichen.

Reflecmedia 4k

Greenscreen Reflecmedia

Erreicht wird das durch eine spezielle Oberfläche des Hintergrundstoffes, welche aus vielen sehr kleinen halbkreisförmigen Reflektoren besteht, die das direkt aus der Kameraachse einfallende Licht bündelen und reflektieren.

Reflecmedia

Dadurch ist es möglich, dass der Vordergrund ganz klassisch ausgeleuchtet werden kann ohne die Helligkeit und Sättigung des grünen Hintergrunds zu beeinflussen. Greenscreen-Dreh ist damit im Freien bei Tageslicht möglich und die Person kann sehr nah vor dem Hintergrundstoff stehen. Die Intensität der LED-Ringleuchte lässt sich in weiten Bereichen regulieren.

  • pro:
    der Aufbau des Hintergrunds ist denkbar einfach
    kein zusätzliches Licht führte Hintergrundausleuchtung erforderlich
    die Raumbedürfnis sind ganz normal wie bei einem klassischen Dreh
    vorhandenes Licht, auch natürliches Tageslicht, kann in den meisten Fällen genutzt werden
    geringes Gewicht, kompakt
    LED-Ringlicht erzeugt keine Wärme
    im Bedarfsfall kann die grüne LED-Leuchte durch eine blaue Leuchte ersetzt werden
  • contra:
    teurer Spezialstoff, der nur in bestimmten Größen verfügbar ist.
    der Stoff ist druckempfindlich und nicht reparierbar
    spitze Gegenstände und unsachgemäße Handhabung zerstören die feinen Reflektoren im Stoff
    Zwei-Kamera-Betrieb nicht möglich, da das Grün nur in einer Achse reflektiert wird
    an Stellen außerhalb der optischen Achse, die nicht von allen LEDs gleichmäßig getroffen werden, ist die Ausleuchtung etwas ungleichmäßig und wirft leichte Schatten. Das ist zum Beispiel der Fall in den Armbeugen beim Gestikulieren. Dort entstehen „Löcher“, weil das Grün nicht gleichmäßig von allen Seiten auf den Hintergrund trifft.
Read More